Eva Bartsch-Ungedrucktes

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Zur Wiederaufnahme des "Idomeneo" an der Deutschen Oper Berlin in der Inszenierung von Hans Neuenfels

Theater und Recht


Folgt man der Überlieferung aus dem antiken Griechenland, gehen die Tragödie und das Gericht aus denselben Wurzeln hervor. Ein spektakulärer Mordfall, in dem ein Sohn seine Mutter erschlägt und bedrängt von den Göttinnen der Rache Apoll zu seiner Verteidigung aufruft, führt zur Einsetzung des ersten Gerichts durch Athene, dessen Wahrung sie den Bürgern Athens zur Aufgabe macht. In diesem Moment, mit dem die "Orestie" des Aischylos schließt, ist alles enthalten: ein Verbrechen und die Frage der Schuld, seine Erörterung in einem öffentlichen Interesse, das Urteil, das Realität wiederherstellt und es verhindert, dass Mordtat auf Mordtat folgt. Aber die Wiederherstellung von Realität durch das Urteil, das Orest vor der Vernichtung durch die Erinnyen schützt, hebt die Schuld, die er trägt, nicht auf. Sie wird zur Last und zur Würde des Menschen, der den Raum der Tragödie betritt, um hier vor und mit Anderen zu der Fragwürdigkeit seines Lebens zu stehen.

Das war der Inhalt des Festspiels, zu dem Athen anlässlich der Dionysien aufrief, wenn die Stadt voller Fremder war. Mit ihm wollte Athen seinen Gästen zeigen, dass es dem Menschen zu seinem Recht verhalf, dass es ihn achtete und ehrte und dass es wusste um seine Natur. Ihm gab es eine Stimme, dem Königssohn, der seine Herkunft nicht kannte, aus Unkenntnis seinen Vater erschlug und dann seine Mutter zur Frau nahm. Oder dem, der seine Mutter erschlug, weil die seinen Vater getötet hatte. Oder den Bürgern von Argos, die Agamemnon befragten, warum der Krieg gegen Troja notwendig war. Oder der gepeinigten Io, die ihr Vater verstieß, weil Zeus sie mit Macht begehrte. Sie kamen auf der Bühne zu Wort und bezeugten, wie unsicher die Situation des Menschen ist, wie gefährdet und ausgesetzt, wie schwach und zerbrechlich, von unerklärlichen Mächten gebeugt. Das zuschauende Volk empfand Mitleid und das Mitleid wurde zu einem vereinigenden Band, das aus der gemeinsamen Not heraushob und eine neue Gemeinschaft schuf.

Wie wichtig es war, dass es nicht über die Schuld urteilte, sondern die Schuld als ein Merkmal des Menschen verstand, das ein neues Bewusstsein prägte und neue Erfahrung enthielt, geht aus dem Schicksal seiner Helden hervor. Erst erfahren sie Vertreibung und Fremdheit, dann aber kehren sie in ihre Heimat zurück: als Gründer eines Heiligtums, als Bewohner desselben, als Protagonisten eines lokalen Kults, die sich alle unter dem Tanz des Dionysos vereinigen, der das zerrissene Leben zu seiner verlorenen Ganzheit fügt. Das Gericht der Thebaner musste Ödipus verbannen, die Tragödie aber begleitete ihn bis zum Heiligtum der Athene, wo er am Ende seines Lebens Aufnahme fand.

Weil das Recht, das die neue Ordnung des Menschen begründet, auf einen Mordfall zurückgeht, wird seine Realität tragisch aufgefasst. Als Athene ihr Urteil fällt und Orest freispricht, spricht sie den schuldigen Menschen frei. Es ist ein Freispruch wider die Natur, gegen den die Erinnyen sich lange sträuben. Dass er dennoch erfolgt, nährt den trotzigen Vorwurf, der zum Merkmal des tragischen Helden wird. Es ist der Vorwurf gegen ein Versäumnis der Götter, das der Mensch selbst nicht zu überwinden vermag: Weil die alten Götter den Sündenfall des Menschen nicht verhindert haben, haben sie ihre Macht eingebüßt; weil Zeus den Gedanken der Gerechtigkeit einbringt, der das Leben mit der Schuld ermöglicht, wird ihm als neuem Gott religiöse Verehrung zuteil

In diesem Bewusstsein, das sich seiner Verschuldung stellt, ist Freiheit enthalten, eine so große Freiheit, dass sie sich eine neue Gottheit wählt und ihr das Attribut zuspricht, das allein das Handeln rechtfertigen kann: die Gerechtigkeit. So bringt die Erfahrung der Freiheit das moralische Bewusstsein hervor und das Empfinden für Grenzen grenzt die Freiheit ein. Wenn dies auf dem Theater auch in späterer Zeit thematisiert wird, so äußert sich darin das kollektive Bedürfnis, Götter, oder wer immer auch herrscht und Zugang zu Machtmitteln hat, an das Maß für die Freiheit zu erinnern. So beispielsweise in einem Festspiel, das 1613 dem Andenken Heinrich VIII. gewidmet ist. Shakespeare stellt in ihm den Rechtsstreit um die Annullierung der Ehe zwischen Heinrich und Katharina von Aragon dar. Während die klerikalen und juristischen Gutachter ratlos wie die attischen Bürger sind, entscheidet Heinrich VIII. den Rechtsstreit in Kraft seines Amtes für sich.

Die Säkularisierung des Rechts beendet die Macht der Tragödie und hebt die Grenzen des moralischen Bewusstseins auf. Aber Shakespeare stellt sie noch einmal als eine abgehende Größe in der Gestalt Katharinas dar. Katharina wird wahnsinnig und der Irrsinn ihrer Rede, der sie ungebremst in das Nichts trägt, bekennt sich zu einem menschlichen Mut, der der Macht, die sie vernichtet, abgeht. Wieder ist es der Mut, zu sich selbst zu stehen und dies auch dann noch zu tun, wenn die Götter die Welt zerstören und die Freiheit den Menschen zur Untat treibt.

Wieder ist es ein Handeln gegen die eigene Natur, das jetzt nicht Schuld hervorbringt, sondern die Spur einer menschlichen Würde, die die Grausamkeit der Geschichte wie ein verwaister Engel durchzieht. Katharina bleibt in der Kontinuität jenes Humanum, das die Ordnung der Tragödie hervorgebracht hat, während ihr Gatte die aus ihr resultierende Aufgabe des Leidens mit dem Recht auf die Lust vertauscht. Es wird schließlich zu einem Recht, das töten darf, wenn die Lust eines neuen Reizes bedarf.

In der Phase des Umbruchs vom Beginn der Reformation bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges steigt die Zahl der Todesurteile europaweit um ein Vielfaches an. Aber die Menschenwürde, das Vermächtnis der verstoßenen Frau, wird zur Basis der modernen Gesellschaft, so wie die Schuld die Basis der antiken und der christlichen Welt war. Zwischen beiden kann die Tragödie, kann das Theater vermitteln, weil in ihm die Kontinuität des Humanen ist und weil diese Leistung auf der Beteiligung vieler beruht. Möglicherweise auf der Beteiligung eines ganzen Volkes, das, wie in Athen, der Darbietung eines Festspiels folgt und den Vorfall erörtert: die Frage der Schuld, oder die eines angemessenen Handelns und was dies nicht nur für die Figuren, sondern für die Menschheit heißt. Welche Gefühle verletzt werden und ob dies nötig ist: muss Apoll die Erinnyen verabscheuen, weil sie Repräsentanten eines veralteten Rechts sind?

Damals, als Apoll die Erinnyen der Blutdürstigkeit zieh und sie aus dem Tempelbezirk ausschloss, hat Athene vermittelt. Athene war niemand anderes als der übernatürliche Mensch, der der Inhalt religiöser Erwartung ist. Der Vorwurf an die Götter, der, den die Geschichte gebiert. "Ihr gehört dahin, wo man Köpfe abschlägt", ist die Meinung Apolls über die Erinnyen. Und der Mensch, den die Geschichte hervorbringen soll, hindert ihn daran, dasselbe an ihnen zu tun: das Köpfeabschlagen aus Freiheit, als Demonstration neuer Macht, die sich über alle Grenzen hinwegsetzt. Warum Athene diese Hinrichtung - und sei sie auch allein symbolischer Natur, so wie man einem zum Götzen herabgekommenen Gotte den Kopf abschlägt - ablehnt? Weil sie unmenschlich ist und weil zu den menschlichen Zügen der Freiheit ihre kollektiv empfundene Grenze gehört.