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Aus: Tragödie und Christentum, S. 122-130



Die Figuren und Szenen des 1952 erschienenen Dramas "Warten auf Godot" kreisen um das Phänomen der Zeit und das Strukturelement der Gerechtigkeit. In den Überlegungen Wladimirs, des Philosophen der beiden Vagabunden, die sich jeden Morgen an einem Baum auf der Landstraße treffen, ist die Frage der Gerechtigkeit gänzlich ungeklärt und auf eine rätselhafte, unergründliche Weise mit der Erlösung verbunden, deren Wirklichkeit ebenfalls in Frage steht. Die Geschichte von den beiden Schächern, die mit Christus gekreuzigt werden, vertieft seine Verunsicherung. "Wie ist es möglich, daß nur einer von den vier Evangelisten die Dinge so darstellt? Sie waren doch alle vier dabei - jedenfalls nicht weit weg. Und nur einer spricht von einem erlösten Schächer." Während der andere ihn mit der Menge verhöhnt und auffordert, seine Macht unter Beweis zu stellen, erkennt dieser in Christus den lebendigen Gott. "Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein."

Folgt man dem Evangelium, ist das Erkennen Gottes mit dem Eingeständnis der eigenen Schuld verbunden, denn es sind die Sünder, die Jesus erlöst. Diese Praxis, und auch dies bezeugen die Evangelien, kollidiert mit der Tugendhaftigkeit der Pharisäer. Aber auch das Los der Gerechten, die in Unterdrückung ausharren müssen, spielt hier mit hinein. Der Gott, der das Erlösungswerk vollbringt, ist, nach menschlichem Ermessen, nicht immer gerecht. Der Junge, der den beiden Landstreichern jeden Abend eine Nachricht von Godot überbringt, auf dessen Kommen sie warten, hütet im Hause seines Herrn die Ziegen. Er hat einen Bruder, dem die Aufsicht über die Schafe obliegt. Dieser Bruder wird von seinem Herrn geschlagen, jener, der die Nachricht überbringt, jedoch nicht. Die irritierende Heterogenität der Beziehungen enthält eine Andeutung auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das ebenfalls der Evangelist Lukas überliefert. Darin wird der Sohn, der das väterliche Vermögen in der Fremde verpraßt hat, von seinem Vater voller Freude wieder aufgenommen und reich ausgestattet. Der zweite Sohn, der immer beim Vater geblieben und ihm Gehorsam gewesen ist, fühlt sich durch diesen Empfang gekränkt. Denn der Vater, der jetzt so großzügig ist, hat ihm nie "auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte" . Die Antwort des Vaters vermag das Gefühl eines gestörten Ausgleichs nicht zu beruhigen, sie nimmt nicht einmal auf den Wunsch nach einer gerechten Verteilung des Gutes Bezug.

"Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden."

Ebenso wie die Fragwürdigkeit der Überlieferung, daß einer der beiden Schächer erlöst worden sei, fordert die Antwort des Vaters Vertrauen in die Wirklichkeit seiner Güte. Nachdem Hiob seine Klagegesänge beendet hat, äußert sich Gott in ähnlicher Weise ungerührt über die Forderung nach einem Ausgleich. Er setzt dem Drängen Hiobs sogar eine Grenze:

"Wo warst du, als ich die Erde gegründet?/ Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja./ Wer hat die Meßschnur über ihr gespannt? Wohin sind ihre Pfeiler eingesenkt?/ Oder wer hat ihren Eckstein gelegt, als alle Morgensterne jauchzten, / als jubelten alle Gottessöhne? Wer umschloß das Meer mit Toren, / als schäumend es dem Mutterschoß entquoll, als Wolken ich zum Kleid ihm machte, / ihm zur Windel dunklen Dunst, als ich ihm ausbrach meine Grenze, / ihm Tor und Riegel setzte und sprach: Bis hierher darfst du und nicht weiter, / hier muß sich legen deiner Wogen Stolz."

Die Gerechtigkeit Gottes ist lähmend, sie versetzt den Menschen in eine Depression, weil sie seinem Handeln das Ziel nimmt. Gehorsam kann nicht erkaufen, was ein Werk der Gnade ist. Eine metaphysische Standortbestimmung durch das Handeln scheint nicht möglich zu sein. Andererseits ist das Vertrauen in die Güte des Herrn, der eine Grenze setzt, wo die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung fehlt, eine erlösende Erfahrung. Um dieses Vertrauen einsetzen zu können, muß aber das natürlich Empfinden für gerechte Ordnungen aufgegeben werden. Als Kain den Abel erschlägt, ist das Vertrauen zerstört. Aber Gott verstößt selbst den Mörder nicht: "Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde."

Die lähmende Depression, in der die Fruchtlosigkeit des eigenen Handelns und die Unfähigkeit, das Gute zu verwirklichen, erkannt werden, bestimmt die Lage von Wladimir und Estragon in "Warten auf Godot".

Die Fragwürdigkeit einer gerechten Ordnung der Beziehungen wird in den beiden Auftritten von Pozzo und Lucky als Herr und Knecht offenbar. Bei seinem ersten Auftritt klärt Pozzo die beiden empörten Landstreicher über seine Beziehung zu Lucky auf. Denn er beklagt sich über seinen Diener, den er wie ein Tier behandelt und als Schwein beschimpft, dem die Knochen seiner Mahlzeit zugeteilt sind. Er bezeichnet ihn als "Atlas - Jupiters Sohn!" Während die Beziehung zwischen Waldimir und Estragon in der christlichen Heilslehre wurzelt, führt der Auftritt von Pozzo und Lucky in die griechische Mythologie. Diese Welt, das macht die Bemerkung Pozzos deutlich, beruht auf Abhängigkeiten. Sein Leiden unter dem Diener, der ihn mit der Unermüdlichkeit seiner Kräfte zu beeindrucken sucht, beruht auf dieser Abhängigkeit. Das gesamte Weltgebäude käme zum Einsturz, wenn Atlas nicht gezwungen wäre, es zu tragen. Wäre der Knecht frei, gäbe es keinen Herren. Ihn als Jupiters Sohn zu bezeichnen, deutet auf die Gefahr des Vatermordes, die die gesamte Theogonie traumatisiert.

Lucky, dessen Los Mitleid erregt, ist böse und tritt Estragon, als dieser ihn trösten will, gegen das Schienenbein. Das Denken, durch das er sich neben der Fähigkeit zu tanzen auszeichnet, erledigt er monoton und mechanisch. Er quält seine Zuschauer durch eine entseelte Rede über die Existenz Gottes, die an die Stelle der großen Klagegesänge des gottsuchenden Menschen tritt, und ist nur durch Gewalt zum Schweigen zu bringen. Daß die große Stille, die auf Luckys Monolog folgt, in der die menschliche Rede aussetzt, von den Figuren als erlösend empfunden wird, führt tief in die paradoxe Problematik des Theaterstücks ein, in dem die schweigende Selbstaufgabe von höherem Wert ist, als der das Drama konstituierende Laut.

Gleich zu Beginn des Dramas schläft Estragon ein und wird von Waldimir, der die Einsamkeit nicht ertragen kann, geweckt. Die vorwurfsvolle Frage Estragons: "Warum läßt du mich nie schlafen?" klingt wie eine Entgegnung auf die Frage, die Jesus im Garten Gethsemane an die Jünger richtet: "Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?" Im zweiten Teil, als sich der Vorgang wiederholt, verteidigt sich Estragon: "Ich träumte, daß ich glücklich war." Das Wachen, zu dem Jesus auffordert und das Wladimir von Estragon verlangt, verknüpft die menschliche Existenz mit dem Heilsgeschehen, dessen Realität Leiden ist. Aber Estragon hat so schön geträumt, wenngleich er, wie die Jünger, vor Kummer eingeschlafen ist. Die Weigerung Estragons, an der Realität des Leidens teilzunehmen, korrespondiert seiner Unfähigkeit, sich zu erinnern. Er ist nicht in der Lage, zwischen zwei Ereignissen eine Beziehung herzustellen.

"Wladimir: Du erinnerst dich an kein Ereignis, an keine Einzelheit?
Estragon müde: Quäl mich doch nicht, Didi.
Wladimir: Die Sonne? Der Mond? Erinnerst du dich nicht?
Estragon: Sie waren sicher da, wie immer.
Wladimir: Ist dir nichts Ungewöhnliches aufgefallen?
Estragon: Leider nicht.
Wladimir: Und Pozzo? Und Lucky?
Estragon: Pozzo?
Wladimir: Die Knochen.
Estragon: Sag lieber die Gräten.
Waldimir: Pozzo hat sie dir gegeben.
Estragon: Ich weiß nicht.
Wladimir: Und der Fußtritt?
Estragon: Der Fußtritt? Ach ja, man hat mir Fußtritte gegeben.
Wladimir: Lucky hat sie dir gegeben.
Estragon: Das war alles gestern?"

Am zweiten Tag, an dem sich der zweite Tag des Dramas abspielt, erkennt Estragon weder den Ort, noch die wiederum auftretenden Figuren Pozzo und Lucky wieder. Die Identifikation der Umgebung und seine räumlich-zeitliche Lokalisierung in ihr sind ihm gleichgültig und, da sie Leiden verursacht, sogar unerwünscht. Estragon hat keine Kontinuität, während Wladimir die lose Folge der Ereignisse in eine sinnvolle Beziehung zu setzen versucht. Die geistige Kontinuität, die die Strukturierung der Realität nach dem Prinzip der Gerechtigkeit zeitigt, wird jedoch von der Erfahrung verweigert. Darunter leidet Waldimir, denn an dieser Stelle droht die Zeit das zu werden, was sie für Estragon, ebenso wie der Raum, schon lange ist: leer. Deshalb bevorzugt dieser die Fiktion des Traumes, die ihn mit ihrer Fülle an Bedeutungen glücklich macht. Welcher von beiden ist erlöst?

Als Pozzo zum zweiten Mal auftritt, ist er "blind wie das Schicksal" und er fragt sich, ob er noch schlafe. Auf die drängende Frage Wladimirs, wann die Erblindung erfolgt sei, reagiert er aggressiv: "Die Blinden haben keinen Zeitsinn." Anders als die Blinden der Tragödie, ist er kein Seher. Denn die Zeiten, in denen das Schicksal transzendent war, sind ebenfalls vorbei. Das Schicksal ist blind, also nicht zeitgemäß, und, wie der Schlaf Estragons, eine Verweigerung des Wachens. Pozzo und Estragon offenbaren sich nun als wesensverwandt, denn beide unterwerfen sich einem als Natur anerkannten Prozeß, der der Zeitlichkeit ihres Daseins zuwiderläuft. Das Erblinden vollzieht sich darin wie der Untergang der Sonne. Pozzo erleidet einen Rückfall in den Mythos, aus dem allein der Zeitsinn befreien könnte, Estragon markiert in seiner Infantilität eine Vorstufe. Zur Realität erwacht ist lediglich Wladimir, aber er kann seine Erfahrungen mit niemandem teilen. Deshalb kommt es zu einer hochdramatischen Zuspitzung des sonst so gleichförmigen Geschehens, als im zweiten Teil Godot für einen Augenblick tatsächlich zu kommen scheint.

"Wladimir: (...) Da bist du endlich wieder!
Estragon Atem schöpfend: Ich bin verdammt!
Waldimir: Wo warst du? Ich glaubte, du wärst weg, für immer.
Estragon: Am Rand des Abhangs. Sie kommen.
Wladimir: Wer?
Estragon: Ich weiß nicht.
Wladimir: Wie viele?
Estragon: Ich weiß nicht.
Wladimir triumphierend: Das ist Godot! Endlich! Er umarmt Estragon und ist außer sich vor Freude. Gogo! Es ist Godot! Wir sind gerettet! Wir wollen auf ihn zugehen! Komm! Er zieht Estragon zur Kulisse. Estragon sträubt sich, reißt sich los und läuft auf die andere Seite, wo er die Bühne verläßt. Gogo! Komm zurück! Schweigen. Wladimir läuft auf die Kulisse zu, durch die Estragon vorher wieder aufgetreten war. Er blickt in die Ferne. Estragon kommt plötzlich wieder zurück, läuft auf Wladimir zu, der sich ihm zuwendet. Da bist du ja wieder!
Estragon: Ich bin verflucht!"

Das Kommen des Erwarteten würde das Warten beenden und das Vakuum, in dem sich beide auf der Bühne befinden, füllen. Aber selbst wenn Godot nicht eintrifft, sondern auch am Ende des zweiten Tages einen Jungen mit einer Nachricht schickt, besteht eine Hoffnung, die anstelle der zerstörten geistigen Kontinuität, die der Mensch zu knüpfen gewohnt ist, einen Zusammenhang herstellt. Die Hoffnung gründet sich auf die Veränderungen, die den zweiten vom ersten Teil unterscheiden. Es sind dies Zeichen für eine Wirksamkeit, die außerhalb der Bühnenrealität liegt und in diese einbricht. Der Baum, der zu Beginn des Dramas völlig kahl ist, trägt am zweiten Tag ein Blätterkleid. Lucky, der die Figuren mit der Penetranz seiner Rede quälte, ist im zweiten Teil verstummt. Äußert sich hierin vielleicht doch ein Gericht, und ist das Fehlen des Zeitsinns, das Estragon und den erblindeten Pozzo verbindet, ein Zeichen des Verworfenseins? Dann wäre die Zeit, die die Figuren zum Warten bestimmt, eine andere Zeit, als die des Selbst, die die Bühnenrealität konstituiert. Es wäre die Dimension, in der der Erwartete kommt und auf die hin sich das Wachen und Schweigen orientieren.

Die Unterwerfung der Figuren unter das Diktat dieser Zeit steht damit in der Ambivalenz von Strafe und Erlösung. Der der Sprache beraubte Lucky kann nicht mehr denken und sich aus der Situation und dem Leiden an ihr heraus reflektieren. Die Gnade, die ihm die Möglichkeit nimmt, sich der Erlösung zu entziehen, nimmt die Gestalt des blinden Schicksals an. Daß die Gnade nicht dem Gerechtigkeitsempfinden des Menschen entspricht und seine Empörung hervorruft, bedeutet nicht, daß sie ungerecht, sondern nur, daß die Gerechtigkeit Gottes nicht menschlich ist. Darin, daß sie nicht menschlich ist, liegt ihre erlösende Kraft. Denn folgte sie den menschlichen Gesetzen, würde sie den Menschen angesichts der Schwere seiner Schuld verdammen. Eine Erlösung zum Leiden dürfte darüber hinaus nicht mit der menschlichen Vorstellung von Erlösung als Freiheit vom Leiden in Einklang zu bringen sein. Die Frage der Freiheit, die durch die Gnade gefesselt zu sein scheint, müßte auf ähnliche Weise beantwortet werden. Denn der durch sich selbst gefesselte Mensch wird Freiheit nur als Relation entwerfen können und die transzendente Freiheit nicht erkennen.

An diesem Punkt, an dem Zeit als eine Wirklichkeit offenbar wird, die von außen auf den Menschen einwirkt, vollzieht sich die Trennung zwischen Kunst und Realität, die in der griechischen Tragödie als Übergang vom irrealis zum realis Erlösung bezeichnet.

Die durch den Zeitsinn des Selbst konstituierte Bühnenrealität, in die der Mensch sich immer wieder unweigerlich verfängt und die schon längst nicht mehr Erlösung bedeutet, sondern Ausdruck des existentiellen Getrenntseins von der Wirklichkeit ist, wird einer Erlösung gewahr, deren Realität und Wirksamkeit außerhalb ihrer liegt. Beckett markiert dies nicht bloß andeutungsweise durch die Problematisierung von Gerechtigkeit und Leiden in Hinblick auf Erlösung, sondern auch formal durch die Aufhebung der Einheit der Zeit. "Warten auf Godot" vollzieht sich an zwei Tagen und erst am zweiten Tag ereignet sich der Einbruch der Wirklichkeit. Die Realität, in der die Figuren sich wiederfinden, enthält das Verworfensein des Menschen durch die Sünde und die Gnade der Sündenvergebung und Rückkehr zu Gott, die im Leiden wirksam wird. Beckett bezeichnet Erlösung als Bruch, als das Heraustreten aus einer bloß formalen, bloß ästhetischen Identität. In der Fremde, in die die Figuren dadurch geraten, sind sie jedoch nicht allein, sondern durch das Warten auf einen Anderen bezogen. Diese Beziehung ist es, die die Möglichkeit der Tragik als Wirklichkeit des Menschen außerhalb der Gottesbeziehung, ausschließt.

Zwei Menschen, die nicht am Beginn, sondern am Ende der europäischen Geschichte stehen, finden sich im Irgendwo, möglicherweise "am fernsten Saum der Welt" , ein, um auf das Kommen desjenigen zu warten, der sie, wie ein Fährmann, in die Wirklichkeit passieren läßt. Das Warten der beiden ist mit dem Dasein, das sie suchen und das in der permanenten Wiederholung seines Zwecks offenbar wird, identisch. Mit jeder Enttäuschung ihrer Hoffnung auf das Kommen Godots gewinnt ihre Gegenwart an Wirklichkeit. Mit jedem Tag werden ihre Dialoge floskelhafter, ihre Entschlußfähigkeit wird geschwächt, bis die Erwägung des Selbstmords, zu Beginn noch als Erinnerung an gescheiterte Versuche Realität, bloßes Spiel wird. Bis sie bleiben, weil sie am Ziel sind.

"Wladimir: Also? Wir gehen?
Estragon: Gehen wir!
Sie gehen nicht von der Stelle."

Damit ist auch die anfängliche, Wladimir so quälende Frage nach der Erlösung beantwortet. Denn auch die Verdammten werden erlöst, wenn die Verdammnis als Stand der Gnade erkannt wird.

Die Erlösung hat eine erstaunliche Voraussetzung, die die Funktion des Theaters verändert. Erlösung als Wirklichkeit liegt außerhalb der Reichweite der Ästhetik. So kommt dem Theater - und dies scheint auf den ersten Blick paradox zu sein - nicht die Aufgabe der Produktion von Realität, durch die es mit dem Faktischen verbunden ist, zu, sondern die Regression, die Auflösung der Realität, deren Schöpfer der Mensch ist.

Die Methode Becketts besteht darin, das Handeln der Figuren zu irrealisieren. Da in vielen Fällen die andeutungsweise gelieferte Biographie der Figuren ein Trauma verrät, führt die Ziellosigkeit des Handelns, das Ausbleiben einer Realität, die zugleich Bewältigung des Traumas ist, in eine tiefe Depression. Estragon wird Nacht für Nacht von Fremden verprügelt; in der Nacht, die dem zweiten Tag vorausgeht, waren es sogar zehn. Das Schweigen, mit dem Estragon die Fragen Wladimirs übergeht, läßt jedoch auf eine tiefere Demütigung schließen. Estragon wird vergewaltigt, weil er ein Nichts ist. Aber die Nichtigkeit ist des Menschen wahrhaftiger Stand, den er zu Beginn der Theatergeschichte mit demselben Erfahrungshorizont der Vergewaltigung ergreift. Die Rückkehr an diesen Nullpunkt des Daseins ist diejenige Leistung, die die beiden heruntergekommenen Gestalten zu Helden qualifiziert. Daß sie als Nichts sein dürfen, ist ihre reale Freiheit.